«Unausstehlich wie ein altes Krokodil»

Zu Besuch im Vorstadttheater Basel

Das Vorstadttheater Basel versteht sich als Theater für alle Generationen. Seit bald 50 Jahren prägt das Kleintheater die Kinder- und Jugendtheaterszene im deutschsprachigen Raum. Mit den Stücken unterhält das Theater seine Gäste und fordert diese heraus. In der neuen Hausproduktion «Greuliche Griselda» übernimmt zum ersten Mal eine Puppe diese Aufgabe.

Im Entrée des Vorstadttheaters hängen Kinderzeichnungen. Sie zeigen Griselda, die Hauptfigur des Stücks «Greuliche Griselda». Griselda ist hässlich und unausstehlich wie ein altes Krokodil, sagt sie während des Stücks über sich selber. Dennoch haben die Kinder Freude an ihr. Sie sympathisieren mit Griselda, die sich an keine Konventionen hält. Als Freundin taugt sie aber nicht. Dazu ist sie zu eigensinnig und unfreundlich auch anderen Kindern gegenüber.

Griselda ist eine Puppe und spielt die Hauptrolle in der aktuellen Produktion, die damit zum ersten Mal in der Geschichte des Vorstadttheaters an eine Puppe vergeben wurde. Vorgesehen dafür war ursprünglich eine echte Person. Doch die vorgesehene Schauspielerin erhielt ein längerfristiges Förderangebot in Zürich. Statt eine neue Schauspielerin zu suchen, entschied sich das Ensemble für eine Puppe in der Rolle von Griselda. «Das wurde zum Glücksfall», erzählt Gina Durler, Co-Leiterin des Vorstadttheaters und Regisseurin des Stücks. Als Puppe könne sich Griselda mehr erlauben. «Ihr Verhalten ist besser zu abstrahieren», sagt Gina Durler.

Frei und unangepasst: Griselda gespielt von einer Handpuppe in der aktuellen Hausproduktion «Greuliche Griselda» im Vorstadttheater Basel. Foto: Joel Sames

Herausforderung statt Happy End

Die «Greuliche Griselda» ist kein klassisches Märchen mit einem Happy End. Es gibt keinen klassischen Lehrmoment. Wichtig sei vor allem die grundsätzliche Botschaft: «Du bist als Mädchen völlig ok, so wie du bist», sagt Gina Durler. Und das auch, wenn du unausstehlich und hässlich bist. Der Journalist Dominique Spirgi schrieb deshalb von einer «subversiven» Geschichte und einem «Anti-Märchen». Das ursprüngliche Stück von Edna Mitchell Preston entstand tatsächlich 1971 im Geist der antiautoritären Erziehung. Spannend ist es deshalb nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Sie können mit Griseldas Eltern mitleiden oder mit der unkonventionellen reichen Grosstante sympathisieren. 

Die «Greuliche Griselda» passt bestens zum Vorstadttheater und seinem Anspruch, Theaterstücke für alle Generationen zu zeigen. «Unsere Theaterstücke sollen Kinder wie auch Erwachsene in ihren jeweiligen Erlebniswelten ansprechen, herausfordern und unterhalten», schreibt das Theater auf seiner Website. Im Gegensatz zum konventionellen Märlitheater, seien die Stücke des Vorstadttheaters generationenübergreifend. «Wir machen Theater für alle», sagt Gina Durler.

Wo die Fäden zusammenlaufen: Gina Durler ist Co-Leiterin des Vorstadttheaters und feiert mit der «Greulichen Griselda» ihr Regie-Debüt. Foto: Xenia Zezzi

Eine Bühne für alle Genres

Zwei Säulen tragen das Haus: Einerseits produziert das Vorstadttheater ein bis zwei eigene Produktionen pro Saison, die später durch die deutschsprachige Theaterlandschaft touren. Dazu kommen andererseits Gastspiele von nationalen und internationalen Ensembles aus der Welt des Kindertheaters. Dabei werden alle Genres des zeitgenössischen Theaters berücksichtigt. Das Vorstadttheater bietet so eine Bühne für Sprechtheater, Objekt- und Figurentheater, Musiktheater und Tanz.

Gina Durler ist seit 2007 als Schauspielerin Teil des Vorstadttheaters und hat mit ihrem Lebenspartner Matthias Grupp die Co-Leitung inne. Getragen wird das Vorstadttheater von einer Genossenschaft mit einer siebenköpfigen Verwaltung. Ungefähr die Hälfte seines Budgets erwirtschaftet das Vorstadttheater über Ticketeinnahmen sowie Sponsoren- und Gönnerbeiträge. Die andere Hälfte stammt von den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft als Abgeltung für den Bildungsauftrag, ein Theaterangebot für Kinder und Jugendliche auf die Beine zu stellen.

Es begann mit dem «Theater Spilkischte»

Das Vorstadttheater blickt auf eine lange Geschichte zurück. Gerd Imbsweiler und Ruth Oswalt gründeten 1974 das «Theater Spilkischte». Die «Spilkischte» war die erste professionelle Theatergruppe der Deutschschweiz, die den Fokus auf das Kindertheater legte. Fünf Jahre nach der Gründung entwickelte sie sich vom reinen Kinder- zum Generationentheater weiter. 

Über Jahrzehnte bauten Oswalt und Imbsweiler das Kleintheater auf, das «die deutschsprachige Kinder- und Jugendtheaterlandschaft bedeutend beeinflusst» habe, wie es auf der Website des Vorstadttheaters heisst. Tatsächlich erhielt die «Spilkischte» mehrere renommierte Preise. 1985 etwa den Preis für Kulturvermittlung des Schweizerischen Verbands für Kinder- und Jugendtheater (Astej), 1987 den Basler Kunstpreis oder 1999 den Hans-Reinhart-Ring, die höchste schweizerische Theaterauszeichnung. Im gleichen Jahr nannte sich das Theater in Vorstadttheater um.

Vorfreude auf das Oekolampad

Nach mehreren Jahrzehnten in der St. Alban-Vorstadt wird das Vorstadttheater in wenigen Jahren in das neue Oekolampad umziehen. Es ist eine Art Heimkehr. Weil das Volkshaus, der erste Spielort, saniert werden musste, wich das Theater auf Anlagen und Spielplätze aus und erhielt auch im damaligen Kirchgemeindehaus Oekolampad Unterschlupf. Die Vorfreude auf den neuen Ort sei gross, sagt Gina Durler. «Die Infrastruktur des Vorstadttheaters stösst zunehmend an Grenzen. Gastproduktionen sind teilweise nicht möglich, weil die Räume tief sind und es wenig Backstage- und Lagerraum gibt.» Die professionelle Infrastruktur im Oekolampad biete tolle neue Möglichkeiten. «Vor allem aber freue ich mich auf das Quartier mit seinen vielen Familien», sagt Gina Durler.

Benedikt Pfister

Das Gespräch mit Gina Durler fand am 30. September 2021 im Anschluss an eine Aufführung von «Greuliche Griselda» statt. 


Das Vorstadttheater zeigt die «Greuliche Griselda» ab 14. Dezember 2021 erneut für kurze Zeit: 

18. Dezember, 17.00 Uhr

19. Dezember, 11.00 Uhr

22. Dezember, 17.00 Uhr

31. Dezember, 21.00 Uhr, Silvesteranlass

Am 20. Dezember, 20.00 Uhr, findet ein Podiumsgespräch mit Yves Bossard statt zum Thema «Böse Kinder»

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